Ein merkwürdiger Fahrgast

Ein merkwürdiger Fahrgast

„Oh nein, nein nein neein– ich werde schon wieder zu spät zur Arbeit kommen, verdammt noch mal! Warum erwischt es immer mich“, fluchte ich lauthals den bewölkten, halbdunklen Himmel empor, als die letzte Schnellbahnbahn nun erneut vor meiner Nase dicht gemacht hat und abgefahren ist. Schnaufend und schwitzend, ging ich langsam zurück und setzte mich auf die nächstgelegene Sitzbank. Ich warf meinen Rucksack neben mich auf die, Grafiti beschmierte, leere Sitzfläche und schnaufte tief ein und aus. Es war 5 Uhr in der Früh an einem Sonntagmorgen. Die Schnellbahn-Station war menschenleer. Bis auf mich und einer alten Dame in einem beigen Stoffmantel, welche hinter dem Eingangstor wartete, war niemand dort. Es war ein überaus kühler morgen, und das obwohl wir Mitte Juli haben sollten. Ich, mal wieder besonders neben der Spur, in einer einfachen, dünnen Weste gekleidet, verschränkte die Hände und fröstelte still und leise vor mich hin. Unter der Weste trug ich meine Arbeitsuniform. Sie war inzwischen schweißnass vom frühmorgendlichen Sprint, von dem ich mich erholen musste.
„Ach—verdammt– und schon wieder eine schlaflose Nacht—- Ich sollte darüber mal endlich mit jemandem reden. Niemand ist hier und niemand will hier sein.“, lamentierte ich. Ich hatte manchmal das Gefühl, ich würde mir selbst nicht mehr genügen. Egal was, egal wie, egal wann, ich hätte immer ein Gefühl des Zweifels, der Angst und Scheu. Wie als wäre ich ein kleiner, quirliger, ignoranter, aber paranoider, Regenwurm am Straßenrand, nur darauf wartend, von einem jungen Rotzlöffel aufgespürt zu werden, der ungewöhnlich neugierig war und ausprobieren wollte, ob ein Salzstreuer nicht nur Schnecken, sondern auch Würmer auflösen könnte. Vielleicht sah ich solche Dinge zu dramatisch. Ich bin mir einfach bei allen Dingen unsicher. All das musste einfach nicht sein. „Ich sollte mich jetzt wohl auf andere Dinge konzentrieren—“
Der nächste Zug kam noch bevor ich zu Ende sprechen konnte. Ich stand allmählich wieder auf, setzte meinen Rucksack wieder auf und stieg ein eher mich die warme, unangenehme Innenluft der Schnellbahn umhüllte. Ein muffiger, stinkender Geruch machte sich plötzlich bemerkbar. „Ach herrje—jemand hat sein großes Geschäft verrichtet, ohne die Tür zu schließen“, stellte ich bedauernd fest. Ich hielt die Luft an und marschierte, konsequenten Schrittes, in den nächsten Wagon ein. Ich begab mich schnurstracks zu meinem üblichen Stehplätzchen. Ich schaute kurz um mich. Vier weitere Fahrgäste befanden sich, grob verteilt, im Wagon mit mir. Es war eine lange währende Gewohnheit von mir, die Leute innerhalb öffentlicher Verkehrsmittel zu beäugen. Man weiß ja nie, was es denn für skurrile Gesellen da draußen, in der großen, kleinen Welt so gibt. Zudem betrachte ich es als eine dezente Abwechslung vom Alltag. Ein kleiner Junger mit grüner Kappe und Regenjacke kauerte auf einem Fensterplatz und war vertieft in einem bunten Handyspiel. Ich dachte mir wie schön es bestimmt wäre, wenn ich, so wie dieser kleine Junge, einfach ohne eine einzige Sorge auf der Welt, den lieben langen Tag, zocken könnte. Dann war da noch eine junge, adrett gekleidete Frau, welche über ihre Kopfhörer zu telefonieren schien. „Mensch, die ist scharf, wenn man von der unangenehmen Stimme mal absieht. 8.5/10“ flüsterte ich zu mir selbst. Das muss bestimmt eine besonders ungehobelte Bemerkung gewesen sein. Ich stieß ein müdes Lächeln hervor, als ich mich dabei erwischte. Ein älterer Herr mit einer zusammengelegten, leicht zerfledderten, Lederjacke im Schlepptau, saß einige Plätze hinter dem Bübchen. Er war vielleicht um die späte vierziger oder Anfang fünfzig. Er saß, mit seinem Kopf zur dicken Fensterscheibe des Zuges angelehnt, der vorbeiziehenden Kulisse aus dem Fenster nach und spielte nervös mit seiner quietschenden Ray-Bans-Sonnenbrille. Er schien zudem ausländischer Herkunft zu sein, vielleicht türkischer oder pakistanischer Herkunft. Es war mir zwar ein Rätsel, wieso mir dabei nur diese zwei Länder in den Sinn kamen aber nun gut, es spielte kaum eine Rolle. Ganz weit hinten am im Wagon, erspähte ich ein junges Paar, wobei man auf den ersten Blick von komplett separaten fremden sprechen hätte könnten. Bis auf ein paar, im schwachen Dialog, erwiderte Worte, waren beide Personen völlig vertieft in ihre Handys. Sie wirkten erstaunlich kalt und distanziert im Umgang miteinander. “Wie lange sind die Beiden wohl zusammen“, überlegte ich kleinlaut vor mich hin, wie als hätte ich auch nur irgendeine signifikante Menschenkenntnis, um sie geschickt und gewieft deuten zu können.
„Nächster Halt, next Stop: Wien Gersthof!“, Das Paar, die hübsche Dame und der kleine Junge stiegen aus, während ein Schar weiterer Leute ihre Plätze einnahm. „War die S-Bahn wieder zu spät—, shit, ich habe drauf nicht geachtet. Warum denn sonst wohl so viele Leute jetzt eingestiegen sein könnten–?“ murmelte ich zu mir selbst. „Ich schätze mal, auch das ist irrelevant. Ich bin es eh schon gewohnt, dass der Chef mich wegen meiner pathologisch – chronischen Unpünktlichkeit aufziehen wird. Bin sowieso schon irgendwie infam dafür, hahaha.“ Mir kam auf einmal eine Szene aus einem dieser alten Spielfilme in den Sinn, wo Jemand, möglicherweise ein gemeingefährlicher, diabolischer Sträfling auf der Flucht, eine teure, kubanische Zigarre zündet und dabei einen genauso tristen Monolog vorträgt wie ich ihn eben tat. Wie klischeehaft.
„Passen Sie gefälligst auf wo sie hinlaufen!“ rief plötzlich eine Dame, die ein schluchzendes Baby in Händen trug. Die Frau war leicht durchnässt. Ich blickte auf und sah nach draußen. Es hatte angefangen zu regnen. Ein starker, Wind verwehte Staub, Blätter und Zeitungspapier. „Hey spinnst, sperr mal deine Augen auf, deppate Sau!“, ertönte es von einem Mann, der sich, unter sichtbaren wehen, auf die Schuler und auf die Brust fasste. „Ist er etwa gestürzt oder gestolpert?“, fragte ich mich schockiert. „Junger Mann!“, mahnte eine blonder Mann in blau-schwarzer Flanelljacke „Würdest Du dich bitte achtsamer gegenüber deinen Mitmenschen sein? Du hast dieses Kind gerade fahrlässig vor meinen Koffer zu Boden geworfen. Ich erwarte mir von dir, dass du dich bei dem armen Kind hier entschuldigst!“. Ein etwa siebenjähriges Mädchen mit Zwillingszöpfen in weißem Pullover und magentafarbenem, langen Rock, versuchte sich langsam aufzurappeln, gleichzeitig aber rieb es sich mit der linken Hand die Augen ihres schmerzerfüllten Gesichtes. Mit der rechten Hand fasste sie sich auf den Rücken. Sie schien, bedauerlicher weise, mit all Ihrer Kraft gegen Ihre Tränen anzukämpfen. Ihre Ärmel und das Kleid trugen schwarze Flecken. Der Boden, wogegen sie niederfiel, war nass und dreckig versehen von den vielen feuchten Abdrücken der Straßenschuhe aller Passagiere.
„Was geht hier denn ab?“, dachte ich mir in diesem Moment „ich sehe lieber mal nach was es mit dem ganzen Kabarett da auf sich hat.“ vorsichtig entfernte ich mich von meinem Stehplatz und trat dem geschehen allmählich näher. Die Aufmerksamkeit aller Umstehenden war nun auf das unmittelbare Geschehen gerichtet. Ich versuchte mich durch die, beträchtliche Ansammlung, Schaulustiger zu bewegen, als ich einen weiteren Schrei hörte. Gefolgert wurde das allgemeine Gewimmel durch einzelne rasende, schnelle und laute Schritte. Sie kamen in meine Richtung. „Was zum Teufel?“, Ich erstarrte und sah, wie, die zuvor noch dichte Masse an Menschen vor mir, einer nach dem anderen zu Boden geworfen wurde. Mit einem lauten Knall entweder zusätzlich gegen die Sitze oder gegen Halterungen prallte. Die Masse an Menschen lichte sich blitzschnell, sodass ich, binnen Sekunden, einem maskierten, hauteng angezogenem, blauäugigen Mann entgegnete, der mir tief in die Augen starrte. Ich verspürte ein betörendes wie unheimliches Gefühl, als dass die Zeit stillstünde. Tatsächlich raste die mysteriöse Gestalt nur knapp an mir vorbei. Ich verspürte den Luftzug seiner fast, unnatürlich anmutenden, Geschwindigkeit. „Du? Du–
„Nächster Halt, next Stop: Wien Hütteldorf, S-Bahn, U4“ Eher ich wieder zur Besinnung kam, hörte ich die automatisierte Durchsage. „Fuck, da muss ich jetzt Aussteigen“, schoss es mir blitzartig durch den Kopf. „Was ist gerade passiert?“ Alle anderen Besucher, welche zuvor wie verstreute Dominosteine am Boden liegen sollten, standen unversehrt neben mir. Es herrschte kollektives, reges Gemurmel und absolute Verwirrung. Aufgeregt sah ich mich überall vor. Vergebens. Ich konnte einfach nirgendwo diesen merkwürden Typen wieder ausmachen. Kaum konnte ich etwas zur ursprünglichen Fassung wiederfinden, öffneten sich die Türen der Schnellbahn vor mir. Ich eilte, leicht benommen, aus der Bahn. Durch die Masse ungeduldig, nachströmender Fahrgäste bahnte ich mir einen Weg hinaus und ging im Schnellschritt Richtung Bahnhofausgang.
„Ich denke, ich brauch jetzt wohl einen starken Espresso. Ist ja gerade zum Schießen, gewesen, haha. Ich glaub ich habe wegen dem Schlafenzug schon angefangen zu halluzinieren. Vielleicht frag ich Alex heute nach etwas Kleingeld für den Kaffeeautomaten, der Saftsack schuldet mir noch was“, dachte ich mir, vertrauten Gedächtnisses.
Bei der glasklaren Eingangstür meines Arbeitsplatzes angekommen, realisierte ich, dass alles fest verschlossen war. Wieder fluchte ich und fragte mich ob der Chef selbst, so scheinheilig wie er manchmal sein konnte, jetzt plötzlich selbst zu spät dran sein könnte. „Der Typ fährt einen schicken, schnellen BMW im Gegensatz zu mir und meinen lahmen, unzuverlässigen Öffis, haha, so ein Arsch“, zischte ich zynisch.
„Du—Du wirst nie wieder ein Leben in Normalität führen dürfen. Du– kommst mit jetzt mit mir!“. Ich erschrak und sprang auf, ähnlich wie eine hektische, aufgescheuchte Taube. Ich renkte und schwenkte ich meinen Kopf in alle Richtungen. Nichts. Niemand war hier. „WER IST DA??“ rief ich. „Nur die Geduld, junger Knabe…mich wirst du früh genug kennenlernen—.“ Da war es plötzlich. Ich entdeckte eine rabenschwarze Silluete über die Reflexion der Glastür vor mir. Ich wollte reagieren und wegrennen, konnte aber nichts tun außer auf zitternden und schlotternden Knien wie bekloppt und verhext stehen zu bleiben. Eher ich mich versah, packten mich zwei schwere, kalte, unsichtbare Arme und betrübten langsam, aber sicher alle meiner Sinne. Das letzte was ich noch wahrnehmen konnte, waren tiefblaue, gespenstische Augen und ein breites, eindringliches Grinsen unter einer sonderbaren Maske.

Ikkaer

Ikkaer

Ich bins Ikkaer.