Von Schwesterhand zu Schwesterkopf

Von Schwesterhand zu Schwesterkopf

„Mina! kommst du jetzt bitte endlich, es wird Zeit, dass wir uns auf den Weg zur Uni machen“, rief ich ungeduldig in mein WG Zimmer. “Es ist schon 10 nach 8, wir schaffen den Anschluss zur Gruppe sonst nicht mehr!“ Ich komme schon, ich habe meinen Ausweis gesucht, Arte. Ich bin in Nullkomma nichts vor der Türe“, antworte Mina gereizt. Beide Mädchen lebten in einer recht kleinen Wohngemeinschaft im neunten wiener Bezirk. Etwa 87m^2 groß, in einer recht hellen Umgebung mit vielen kleinen Parkanlagen beschmückt. Idealerweise war sie unweit von den wichtigsten Anschlüssen zur Stadt entfernt. In gewisser Weise war es eine typische Studenteneinrichtung. Das WG-Zimmer selbst wurde immerzu sauber und einladend gehalten, schließlich hatten die beiden Studenten ein aktives und geselliges Leben. Sie studieren beide gemeinsam Chemie im 4. Semester auf der Universität Wien. Heute war eine Exkursion mit anderen Kollegen über eines Ihrer Dozenten auf einer anderen Universität, nämlich auf dem Gebiet der Medizinische Forschung und Entwicklung arbeitend, vorgesehen. „Endlich, du lahme Schnecke, ich werde dich nicht mehr verteidigen, wenn der Prof dir irgendwas sagt, ja?“ erwiderte Arte nach langem Zögern als sich Mina, entspannen Ganges, zur Tür begab“ „Löffele aus, was du dir beim Prof eingebrockt hast, kapiert?“ „Ist ja schon gut, ich kauf dir einfach ein Starbucks Frappuchino, und trinken gemeinsam mit Vicky und Semin, seufzte Mina sarkastisch und machte eine, zu Scherzen vermögende, Geste. Arte ignorierte sie, riss sich eine rote Weste aus der Garderobe und packte die überraschte, noch müßig kramende und suchende, Mina am Ärmel ihrer rosaroten Bluse und zog sie im Eilschritt aus der Wohnung, um die Tür hinter ihr zuzuwerfen.
Sie begaben sich in den Bus, unweit von Ihrer Haustür entfernt, direkt neben eines Ihrer, von Singvögeln besetzten, aufblühenden Parks, und setzten sich nach vorne zum Fahrer hin. „Dir ist klar, dass die Gruppe in einer Stunde ohne uns abzischen wird, oder?“ Fragte Arte. Inzwischen war sich schon leicht mürrisch, woraufhin Mina mit einem provokanten Augenrollen und belächelnden Kopfschütteln reagierte. Arte war eine äußerst begabte und talentierte Frau. Sie war eine zweiundzwanzig Jahre junge Dame, welche schon seit sieben Jahren in Wien lebte. Ihre Ursprünge liegen in Luxemburg, wobei Ihre Eltern und Großeltern Flüchtlinge aus eines von vielen ärmeren Vororten von Paris waren. Sie wertschätzte es immer, konsequent und sorgfältig wie möglich in vielen Aspekten zu sein. Neben Ihrem Chemiestudium, also Ihrem Beruf, gehört etwa auch Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit, Disziplin, Tüchtigkeit und Anstand dazu. Mina, etwa ein Jahr jünger als Arte und gebürtige Wienerin, sah zwar all diese Eigenschaften Ihrer besten Freundin als vorbildlich und großartig an, bevorzugte es zumeist jedoch, Dinge etwas sporadischer und improvisierter anzugehen. Sie konnte, anders als Arte, eine eiserne Ruhe in jeder Situation, egal wie schwierig oder ungewohnt, bewahren. Beide Damen lernten einander vor anderthalb Jahren kennen und wussten schon seit jeher, aufeinander zu bauen, miteinander Spaß und zu haben und füreinander da zu sein.
„Sind wir schon daaa?“, äußerte sich Mina lautstark. Andere Menschen im Bus konnten sie sogar mithören. Arte, peinlich berührt von den zahlreichen Blicken ihrer Mitfahrer, sah Mina wütend an und verpasste Ihr eine Schelle gegen den Hinterkopf.
„Meine Güte, Mina, du bringst mich manchmal um den Verstand mit deinem kindischen Gehabe! wenn du gestern deine Emails gecheckt hättest, dann wüstest du, dass wir in zwei Stationen da sind. erwiderte Arte. Mina verschränkte beleidigt die Arme und zeigte Ihr die Zunge.
„So, liebe Studierende, wissen Sie nun, ob Sie vollzählig sind?“, hörten Mina und Arte die bekannte Stimme Ihres Dozenten, Professor Schenke, reden. Sie sahen sich kurz um und beschlossen der Stimme zu folgen. Sie überquerten eine schmale Straße und erkannten einige wenige bekannte Gesichter, die sich untereinander unter wirrem Lärm austauschten. Sie befanden sich vor dem hohen, alten Steintor zur Universität. Die beiden Damen beschlossen sich, der Menschenmasse zu nähern.
„Sehr gut, bestätigte der Professor, ein älterer, hagerer glatzköpfiger Mann mit grauen Hosenträgern und weißem Hemd, nach einer kurzen Unterhaltung mit den Jahrgangssprechern ihres speziellen Studienganges. „Ich nehme an Sie wissen, was wir uns heute gemeinsam ansehen werden?“, setzte er fort „Also, für all jene die erst später erschienen sind, hier nochmal kurz der Überblick: Wir werden uns auf zwei Gruppen aufteilen, wobei die erste Gruppe mit mir kommt und alle anderen Studierenden meinen beiden Assistenten folgen werden. Wir betreten dann gemeinsam das Anatomie-, Präparats und Pathologieklinikum der Medizinischen Universität Wien. Strengste Maskenpflicht gilt auch in der MedUni, also bitte nehmen Sie alle am Eingang jeweils eine Maske, welche sie ja ebenfalls mitfinanziert haben sollten. Außerdem wurde uns mitgeteilt, dass alle Studierenden außerhalb des Campus, jeweils ein Speichel und eine Blutprobe abgeben sollen. Dies ist im Rahmen einer Studie zu erledigen, der Sie vor Beantragung dieser Veranstaltung eingewilligt haben—“ Der Dozent hielt kurz inne. Die Studenten wurden allmählich unruhig und begannen in einem chaotischen und überstimmenden Lärm zu diskutieren. Arte und Mina schienen ebenfalls etwas überrascht. „Wurde wirklich etwas von einem kollektiv einstimmigen Blutabnahme beim Anmeldeformular erwähnt?“ , dachte sich Arte Einige andere Studenten empfanden diese Kundgebung ebenfalls sonderbar und stellten offene Fragen sowohl indirekt an den Professor wie auch in die Menge. „So, Ruhe bitte! Ich darf Sie wohl noch um ein klein wenig Geduld vor Einlass bitten!“ Der Lektor wurde hörbar ungeduldig und bemühte sich die Menge zu beruhigen. „Ich hasse aber Spritzen, stieß Mina, unwohlen Gewissens, von sich. Arte, die sich immer auf dem neuesten Stand der Dinge zu bemühen wusste, fand sich auch leicht überrascht. „Womöglich wurde das irgendwo im Formular indirekt angedeutet und ich habe es falsch interpretiert“, versicherte sie sich. Es gab für viele Dinge immer mindestens eine logische Erklärung, so glaubte Arte zumindest. „Fein, also, begann Herr Schenke erneut, nach dem wir durch den Check-up gegangen sind, werden wir uns einen Vortrag von der Universitätsleitung anhören. Anschließend werden wir mit den Fakultätsleitenden einen Rundgang durch die Labors und Räume durchführen, klar soweit?“ Einige wenige Studenten nickten oder bestätigten für die gesamte Gruppierung mit einem kurzen „Ja“.
Einige Minuten vergingen. Dann trat der Pförtner der MedUni zu uns und öffnete langsam die alten, hohen und hölzernen Tore. Ein Meer aus Studenten strömte nun durch die vielen schmalen Eingänge in die Aula des Hauptgebäudes ein wo die Universitätsdirektion und Leitung uns höflich und breitwillig empfang. Die Studenten wurden in einen Festsaal, nur wenige Meter vom Haupteingang entfernt, geführt wo Sie ihre Kleidung oder Taschen verstauen durften. Der Raum war gebaut aus massivem, gepflastertem, kalkweißem Gestein wobei die Decke mit verzierten, hohen Säulen, aus den dicken Wänden hinausragend, getragen wurde. Dann wurden alle Teilnehmer gebeten, sich, auf Ihre eigenen Namen und Matrikelnummern reservierte Sitzplätze zu begeben. Daraufhin nahm man sich jeweils eine Maske aus einem, am Eingang aufgestellten, mechanisierten Dispenser zu entnehmen und um Nase und Mund zu spannen. „Unser Referat beginnt in 4 Minuten!“, teilte uns die Studiendirektion indirekt mit. „Wow all dieser Aufwand, nur um einen Vortrag und eine Tour zu organisieren, krasse Sache, hahaha“, äußerte sich jemand drei Reihen vor Mina und Arte hockend. Einige weitere lachten auf. „Blitzchecker Viktor am Start, das sind Profis, Dog, fühl dich geehrt, obwohl du in Anatomie scheiße bist“, antworte jemand aus seiner Clique und zwinkerte amüsiert.
Plötzlich wurden alle Umgebungslichter gedimmt. Die Masse wurde allmählich ruhiger gestimmt und richte sich erwartungsvoll nach vorne zur Bühne aus. Anschließend flackerte die Projektion eines Beamens auf, alsbald die Referenten auf ein Podium traten. Sie begaben sich gemeinsam vor einem, breit gebauten, hölzernen Pult und begrüßten alle Anwesenden amtlich mit einer Einleitung und einer Beschreibung und Geschichte der Universität, gefolgt von ihren persönlich erzählten Biografien.
Arte liebte die eindrucksvolle Präsentation vieler Aspekte der Medizin und Biochemie. Bei diversen Forschungen und Entwicklungen an denen sie persönlich, mittels Praktika, teilnehmen durfte, engagierte sie sich sehr und bemühte sich stets am Geschehen Anteil zu haben. Ihr Traum war es immer schon gewesen, Menschen mit multiplem oder partiellem Organversagen, Heilung, über Spenderorgane hinaus, zu schenken. Sie liebte Ihre Familie und schätzte sie höher als alles andere. Jedoch wollte sie, zumindest bei Ihren engen Freunden kein Geheimnis drumherum machen, dass ihre Eltern für eine lange Zeit Ihrer Leben an Dialysesystemen gebunden waren. Spendernieren schienen immer rar und schwer leistbar. Viele ihrer Verwandten und Freunde sprachen diesbezüglich sogar von einer fürchterlichen Strafe Gottes. Arte, wollte von solch vagen Konzepten nichts wissen und Recherchierte von jung auf, basierend auf dem, was Sie über ihre Eltern und über Ihren gemeinsamen Hausarzt in Erfahrung bringen konnte. Ihre Mutter erkrankte einst schwer an einen Typ von Hepatitis, wogegen es damals weder Aufklärung noch Impfungen gab. Sie konnte glimpflicher Weise dem schlimmsten Szenario entkommen, jedoch bemerkte die Mutter erst spät eine, still miteinhergegangene, ausgeprägte Niereninsuffizienz auf bis zu 40 Prozent der Nierenleistung. Artes Vater, wenngleich er ein unglaublich fürsorgliches und verantwortungsbewusstes Elternteil für Arte war, so war seine Vergangenheit eine gänzlich andere. Ihr Vater erzählte von Zeiten wo er in den verwahrlosten Teilen der damaligen Pariser Vororte oftmals in Konflikte mit brutalen Gangmitgliedern geriet und eventuell Opfer einer grausigen Messerstecherei wurde. Einst wurde sogar, laut alter Nacherzählungen ihres Papas, in den Medien darüber berichtet. Auf der Notaufnahme konnte er zwar gerade vom immanenten Tod bewahrt werden, jedoch wurde auch bei ihm neben einer drohenden Leberzirrhose, bedingt durch seinen ehemaligen starken Alkoholismus, auch eine gravierende Funktionseinschränkung der Niere festgestellt. Arte dachte immer wieder an die, anekdotisch überbrachten, Geschichten ihrer Eltern zurück und versuchte oft sich diese horrenden Szenarien und Momente vorzustellen, wie all dies wirklich widerfahren gewesen sein könnten. Sie fragte sich oft, warum Ihre Eltern nur unter solchen Begebenheiten in Frankreich geboren worden sind. Das Leben war selten fair.
„Gähhhhhhhn, aach Mensch, ich hab ka Bock mehr!“, rief eine pummelige, besonders blasshäutige, gepiercte Frau mit rauer Stimme in die Menschenmenge. Die Frau saß eine Reihe hinter Arte und ihrer Freundin Mina. „Leute wer geht mit mir ein Rauchen, I hob ka chick mitgenommen, komm Sebastian, gemma raus, Pause is jetzt.“ Allgemeines Gelächter brach die einstweilen noch reservierte Ruhe der Gruppe, begleitet von diffusem Treiben im gesamten Saal. Mit dem Aufdrehen der Saalbeleuchtung wurde eine kurze Trink- und Toilettenpause für die Gäste eingeleitet. Arte, über diese Bemerkung zutiefst entrüstet, schüttelte einfach nur den Kopf und schlug die Hand vors Gesicht. Mina fand das besonders komisch und machte ein Selfie von sich selbst und Arte, woraufhin Arte mitlachte und Mina spielerisch nach Minas Handy schnappen wollte.
„Hey Leute, draußen in der Aula werden gratis Getränke verteilt, first come – first serve.“ Alle verbliebenen Studenten im Festsaal stürmten hinaus bis nur noch Arte und Mina verblieben. Nach einer kurzen Weile meinte Mina, dass sie beide sich auch dazugesellen sollten und versuchte Arte zu überzeugen: „Komm auch mit, lass uns gemeinsam auf unser erfolgreiches Semester und die großartige WG trinken. Das haben wir uns fix verdient“, und machte sich auf den Weg Richtung Ausgang. „Tse tse tse– “, entgegnete ihr Arte zynisch „du suchst doch bloß jede günstig gelegene Ausrede um zu Saufen, habe ich nicht etwa recht?“ ,Mina mit einem provoziert wirkenden Schmunzeln, machte kehrt und rannte auf Arte zu. Arte schreckte abrupt zurück und purzelte zu Boden. Sie krachte gegen eine Sesselreihe vor Ihr und warf fünf weitere Sessel zu Boden. „Strike, and win! Niemand wagt es mich beim Bowling zu besiegen! hehehe“ konterte Mina gemein und verschwand, in Erwartung eines Gegenschlags, aus dem Festsaal. Arte fühlte sich leicht desorientier. Schleunigst richte Sie sich und die umgestoßenen Sessel sauber und sorgfältig wieder auf und klopfte sich den Staub von der tiefblauen Jeanshose ab. Kurzerhand ging sie ebenfalls raus und ergänzte die allgemeine Gemeinschaft, nahm sich ein Getränk vom temporär eingerichteten Tresen und nippte unter kurzen Schüben am hohen Trinklas. „Mhmmmm, das schmeckt ziemlich erfrischend und fruchtig, was für ein Getränk mag das wohl sein? Bemerkte sie überrascht“ Sie ging kurz den langen Tresen entlang und entdeckte eine schwarze Tafel. Sie war beschriftet mit einem verschnörkelten Kreidezug worauf folgendes stand: Biologisch hergestellter, destillierter Wein und gebrautes Bier, von Studenten für Studenten gemacht! Zur freien Entnahme! “
Aus dem Augenwinkel bemerkte Arte, dass ihre Kolleginnen und Kollegen sich langsam wieder in den Festsaal zurückbegaben. Hastig trank Arte ihr restliches Glas aus, nahm als nächstes einen Glas Bier zur Verkostung mit, und folgte anschließend.
Liebe Studierende der Uniwien, wir stellen Ihnen nun voller Stolz unsere Leitende Fachklinikerinnen und renommierte Forscherinnen vor. Sie arbeiten erst seit kurzem bei uns. Es sind wahrlich bezaubernde Damen mit ausgezeichneten Doktortitelen in Tissue Engineering and Neurosciences welche hier mit Euch den Rundgang durchführen werden. Naïma und Camille Boucher!“ Es wurde obligatorisch, seitens der Studentengruppierung, applaudiert. Eigenartig war allerdings, dass die Personen in Frage besonders lange auf sich warten zu lassen schienen. Die Studienleitung und Assistenten blickten suchend und konfus um sich. Daraufhin lief eines der Assistenten hinaus aus dem Festsaal und kehrte mit Verzögerung wieder zurück. „Sie brauchen Hilfe, ich bitte die Studiendirektion mich zu Naimas Unterstützung zu entsend–.“
“Ich bin schon Da, nur keine Umst–“ Ich ebenfalls, Frau Rektorin“, Eine junge Dame mit kurzem, leicht zerzausten Haaren streckte Ihren Kopf aus der Eingangstür in den Festsaal, während alle Studierenden in Artes und Minas Gruppe sich umdrehten um das geschehen genauer zu verfolgen. „Hallo, liebe Studierende, ich bin die Dr. Naima Boucher und das ist—“ Und ich bin die Frau Dr. Camille Boucher“, sprach eine andere Dame, in derselben Tonlage wie die Frau Naima, zum sprachlosen Publikum. Die Frauen bewegten sich langsam und mit leicht vorwärtshinkendem Schritt in den Festsaal hinein und stießen auf ein Meer kugelrunder, schockierter offene Augen und Münder. „In der Tat, meine geehrten Studierenden“, leitete Dr. Naiima ein: Wie Sie alle sehen können, sind die Frau Camille und Ich seit unserer Geburt ineinander zusammengewachsen und aufgewachsen. Wir sind sozusagen siamesische Zwillinge, welche beide über ein und denselben Körper verfügen. Unsere Persönlichkeiten sind jedoch grundsätzlich verschiedene, zumal wir unter uns eigenmächtig genug kultivieren konnten.“ Ich bin die Frau Dr. Camille und habe lediglich Kontrolle über meinen eigenen Kopf und den linken Arm dieses Körpers, Fräulein Naima hier kontrolliert den gesamten restlichen Körper. So gesehen sind wir ein unzertrennliches Duo, das über den Lauf der Zeit, viel aus diesen Begebenheiten gelernt hat. Naima fügte noch hinzu: Wie Sie ebenfalls feststellen konnten, sind wir sehr weit gekommen mit unserer Ausbildung und wurden mit großer Hingabe und Mühe mit Doktortiteln anerkannt. Wir sind ebenfalls im Ausland an zahlreiche Forschung und Entwicklung beteiligt. Als zwei gesegnete, hochbegabte Köpfe erlangten wir schnell Aufmerksamkeit vieler einflussreicher Technologiefirmen, die unsere Dienste im hohen Maße beanspruchten –.“ „Bis wir nach jahrelanger, kräftezehrender Odyssee, endlich zu unserer finalen Sesshaftigkeit fanden“, führte Dr. Camile nun abrupt an und strahle in einem großen, einladenden Lächeln. „Nirgendwo sonst als hier in Wien, direkt an der unsagbar wertvollen, Jahrhunderte alten und Jahrzehnte währenden, Medizinischen Universität Wiens!“ „Abgesehen davon, meine hoch verehrten Studierenden“, sprachen beide Persönlichkeiten, Naima und Camille nun in perfekter, vermeintlich einstudierter, Synchronie. Das Publikum wurde anmaßend perplex. „Lasst uns mit diesem großartigen Rundgang beginnen!“ Mit diesen Worten begaben die siamesischen Schwestern sich, vorsichtigen Schrittes, über die Hintertür des Podiums, zum Ausgang.
Beachtlicher Beifall begleitete die letzten Worte der siamesischen Zwillinge. Es war ein atemberaubender Anblick für alle Studierende innerhalb dieses Saales. Sogar die Direktorin dieser Universität schien immer wieder aufs Neue überwältigt worden zu sein. Kollektiv bewegten sich alle in Richtung Ausgang, um auf ihre Gruppeneinteilung zu warten für die Besichtigung zu warten. Diese Zwillinge, so dachte sie, würden einfach eine unglaubliche, gar gefährlich trügerische, überzeugende Ausstrahlung besitzen. Arte spürte das wie als wäre sie mit Ihnen auf derselben Wellenlänge. „Sie sind wahrlich fantastische, vorbildliche Persönlichkeiten! Ich kann es kaum erwarten, diese Zwillinge mit einer Million wissbegieriger Fragen zu durchlöchern, haha, du könntest auch was lernen Mina, gell, hehehe“, meinte Arte. Es lag hörbar große Aufregung und Erregung in ihrer Stimme. Mina, sah sie befremdlich an. „Arte, alles in Ordnung da bei dir in der Rübe?“ entgegnete Mina forsch und grinste Arte frech an. „Die beiden sind halt begabt, und ich wette sie sind sowieso nicht die Einzigen auf der Welt in dem Kaliber, also calm down, okay Arte.“ Arte nahm eine ernstere Haltung ein und behauptete streng: „Ja klar Mina, die Welt wimmelt nur so von inspirierenden Individuen, aber dennoch sieht man sowas nicht alle Tage. Erstens sind die siamesischen Zwillinge mit solch einer umwerfenden Historie am Konto und zweitens, sind Sie aus Frankreich, du weißt schon, meine Eltern sind auch von dort. Sowas verdient mein allerhöchster Respekt. Dafür stehe ich als gebürtige Chemikerin und angehende Wissenschaftlerin mit meinem Namen! Ging das jetzt in deine hohle Birne, liebes Minalein?“ „Willst du mich wirklich zum Heulen bringen, Arte, dann sag mir und unserer Freundschaft bye bye“, drohte Mina nun und senkte Ihr Haupt in Demut und Reue, eventuell blöd geantwortet zu haben. Arte’s strammer Blick erweichte nach kurzer Zeit schon wieder und sie warf sich auf die angefressene Mina, um sie zu umarmen. „Du Dummerchen, sag sowas nicht“ , flüsterte Arte direkt in Minas Ohr, „Tschuldige ich war doch ein bisschen zu bösartig zu dir, haha.“ Mina sagte nichts, erwiderte allerdings ebenfalls mit einer eindeutig sanftmütigen Umarmung eher sich beide gemeinsam dem wirren Tumult anschlossen.
Während der ganztägigen Führung wurde den Studenten diverse Labors, Arbeitsprozesse und historische, restaurierte Lehrsäle, Gänge und Hallen gezeigt wo andere Studierende und Professoren arbeiteten und Forschung auf unterschiedlichen Bereichen betrieben. Es wurden anatomische Präparate in stechend riechender Formalinlösung, einem vollständig sterilisierenden Lösungsmittel, zur Schau gestellt, chemische Experimente an lebendigem Gewebe angestellt, Proben analysiert, Protokolle erstellt und so weiter und so fort.
„Nun, alle miteinander, sprach Naiima zur letzten Gruppe dieses Rundganges, „sind wir bei unserem finalen Endstück angelangt, der Creme de la Creme unserer Universität, nämlich der Magnetresonanzspektroskopie-saal wo wir zurzeit die meiste Zeit über beschäftigt sind. “Bitte lasst uns gemeinsam Eintreten“, setzte Camille fort und deutete mit Ihrem linken Arm in Richtung der Eingangstür. „Bitte achten Sie darauf, dass Sie sämtliche metallische oder elektronische Mitbringsel im elektronmagnetisch isolierten Nebenraum verstauen bevor Sie eintreten“, löste Naima ab und verschwand in den MRS-Saal.“ Über ein Fenster konnte Arte mit ihrer Gruppe beobachten wie ein Proband bei laufender, hochpräsziser Aufnahme untersucht wurde. „In Folge dessen untersuchen wir diesen Probanden und dessen markante sogenannte Metaboliten im gesamten Körper. Diese können bestimmte Stoffe sein, die wir Ihnen zum Konsumieren gaben, welche sie verstoffwechseln können wie Glucose-Nebenprodukte oder spezielle andere Stoffe. Dabei wird das Phänomen genutzt, wobei gewisse chemische Moleküle im Körper eine magnetische Teilladung haben. Beispielsweise, Wasserstoff ist einfach positiv, Sauerstoff ist zweifach negativ geladen. Diese Unterschiede werden durch Kalibrierung über unser MRS-Gerät ertastet und sichtbar gemacht.“, erklärten die Zwillinge den faszinierten Studierenden.
Arte liebte es. All diese Feinheiten in der Medizin und Technik der Wissenschaften und Universität waren für sie eine unschätzbar kostbare Augenweide. Zudem konnte Sie einfach nicht anders als ständig anregende, diskussionsträchtige Fragen zu stellen, die die beiden Zwillinge ihr mit größter Vorliebe beantworten würden. Und doch wurde sie sehr traurig, als somit auch die letze demonstrative Versuchsreihe beendet wurde. „Ich danke Ihnen für Ihr so zahlreiches Erscheinen hier auf unserer Universität und möchte Sie nun für heute mit sonnigem Gewissen entlassen, bevor Sie wieder zur Hauptuniversität zurückkehren müssen“, erörterte Dr. Naima abschließend. „Alle bis auf die ausgezeichnete Frau Arte Dubois sind nun entlassen.“ Nach einem kräftigen Applaus an das Zwillingspaar, verließen die Studenten das MRS-Labor und begaben sich in den Nebensaal, um Ihre Sachen abzuholen. Mina stieg als letzte hinaus. Sie drückte ihrer besten Freundin tief die Daumen bevor sie sich den Anderen anschloss.
So, mademoiselle Dubois, dürfen wir Sie um einen kurzen Gefallen bitten? fragten die Zwillinge merkwürdig synchron. „Wir würden Sie nur zu gerne kurz studieren, sie sind uns auf so vielen Ebenen einfach formidabel aufgefallen, hahaha! „Ich bin mir sicher Sie werden gefallen an einer exklusiven und kostenlosen professionellen Untersuchung finden, zumal sie bestimmt etliche weitere Fragen an uns beide zu haben scheinen“ , setzte Dr. Camile fort. Arte fühlte sich geschmeichelt und antwortete mit einer schwungvollen Geste. „Ohh, aber mit dem größten Vergnügen, mes mademoiselle, très très cheres, haha“, Arte fühlte sich plötzlich auf gleicher Ebene gestellt mit den Zwillings Professorinnen und wusste es, selbstbewusst zu scherzen. „Aahahaa HAHA“, ertönte ein aufgesetztes Lachen von Dr. Naima. Dr. Camille schien es gar überhört zu haben und langte mit ihrem linken Arm in Richtung Durchgang zum Kontrollzentrum. „Wir verlassen uns auf Sie, Mademoiselle Dubois, sagte Camille ehe sie sich beide auf die andere Seite des Glasfensters begaben, um die Maschine zu starten. Leicht verdutzt wegen dieser unerwartet unangenehmen Interaktion, bereitete sie sich für eine Untersuchung unter dem MRS vor indem sie sich entsprechend kleidete. Sie legte sich auf die bewegliche, vollkommen motorisierte Liegefläche der Gerätschaft und wartete auf weitere Anweisungen der Expertinnen. „Ich bin ja mal gespannt was die beiden Genies da vorne über mich herausfinden werden, vielleicht werden sie mein ebenbürtiger Intellekt nun zu anerkennen wissen, haha,“ murmelte Arte, fast schon selbstgefällig zu sich selbst.
Camille, sollen wir das wirklich tun? Du sagtest du wolltest dir das nochmal gründlich überlegen mit der Transplantation— vielleicht sollten wir einige Jahre versuchen zu warten damit oder nicht–? Camille drehte sich zu Naiimas Kopf. Sie war angespannt. Ihr war mulmig zumute bei dem Gedanken über andere Menschen so zu denken, wie es erstmals Camille vorgesehen hat. Schwesterherz, du weißt, wir haben schon so oft darüber gesprochen, oder?“ , Versuchte Camille sich zu vergewissern. Naima nickte anmaßend und schielte zurück zur Frau im MRS. Beide Schwestern schwiegen zunächst für eine Weile, Naima injizierte das modifizierte Magnetspekrum jenes Camille mit ihr zusammen kalibriert hat. Die Universitätsleitung stand diesbezüglich im Dunkeln, denn was die beiden Wissenschaftlerinnen geplant hatten war riskant und durchaus illegal. „Los geht’s, drück auf „Protokoll aufgeben“! Naiima— wir stecken da nun gemeinsam drinnen, ich kann verstehen wie du dich fühlst, aber es ist unausweichlich für unseren gemeinsamen Fortbestand, ich flehe dich an Naiima!“ Naiima zitterte und kreischte. „Ich kann das einfach nicht, ich fühle mich wie ein Monster—mach du das für mich Schwesterchen—“ Camille tat unbefangen und hauchte Naima zärtlich ins linke Ohr:“ Mach die Augen zu, Naima, ich weiß was wir tun, und wir tun es für unser Bestes und für die Progression der Humanwissenschaft und Medizin dieser Welt. Camilles Seite des Körpers bewegte sich und sendete die finalisierten Befehle an den Magnetresonanztomographen.
„Hilfe was geschieht hier—, Dr. Boucher—, bitte helfen Sie mir! Ich werde so müde—, mein Herzschlag—-wird immer schwächer und—schwächer, ich finde gar noch die Energie— um —mit Ihnen zu k—ommu—nizie-ren—-ZUR HILFE!–!“, Arte überkam ein rasender, pulsierender, Schmerz, der sich, ursprünglich von Ihrer Brust aus, über Ihren gesamten Körper hinweg ausgebreitet hat. Gleichzeitig verlor sie langsam das Bewusstsein bis ihr nach tiefem Schlummern zumute war. Sie wollte Strampeln und sich aus der MRS-Untersuchungstube hinaus robben, aber Ihr fehlte jegliche Kraft und Kontrolle über Ihre Gliedmaßen. Alles was Sie machen konnte, war es mit Halboffenen, benebelten Augen gegen die blauweiße, sterile Tubeninnenwand des Gerätes zu starren und Wörter in inkohärenter, mühsamer und ersterbender Stimme vor sich hin zu stottern.
„Ist—das mein—jäh–es Ende–? All me—ine Amb—itione-n, all meine Trä–ume für die Mensc–hheit–und natürli–ch für meine–Eltern—Mina–! —ko—m-m————–“ Die Lautsprecher schwiegen. Naiima und Camille haben alles mitgehört, jedes einzelne Wort, jede einzelne körperliche Reaktion. Naima schluckte Ihre Tränen hinunter, Camile schloss die Augen und hielt sich ihre linke Hand vor das Gesicht. Naima setzte die Befehle wieder zurück und schob die junge Dame hinaus aus der Maschine. „Ich rufe Petrovic an“ sprach Camille zu ihrer, noch regungslos verharrenden, Schwester. “Er soll kommen und uns einen Transporter nach Russland zu Gerassimenkos Kopftransplantations-Klinik in Moskau bringen. Seine synthetisierten, Opium angereicherten, Nano-Magnetit-kapseln sind wirklich bahnbrechend effektiv. Es war clever von dir, Sie in die Wein und Bierverkostungsgläser zu dosieren, so brav. Aber genug davon jetzt. Wir haben nicht mehr viel Zeit.“ Sie standen auf, bewegten sich zu Arte Dubois‘ schlafen, komatösen erscheinenden Körper und schleppten Ihn via Krankentransporter auf vier Rädern, behutsam in einen schmalen abgeriegelten Wandschrank im graubraun isolierten, leeren und stockdunklen Nebenzimmer.
Die Zwillinge machten sich auf den Weg zum Notausgang inmitten des Ganges ihrer Fakultät und entfernten sich vom Universitätshauptgebäude. Sie nahmen ihren Laborkittel ab und warfen ihn in die nächstgelegene Müllsammlungsanlage. Es war alles zu unserem Besten, richtig? Versuchte Naima eine Rechtfertigung für sich und ihre Schwester zu erfinden, Die DNA-Werte dieser Frau hatten, im Vergleich zu der von allen anderen, bisher überprüften Teilnehmern mit unserer DNA, eine außerordentlich hohe Kompatibilität-signifikante — perfekt für eine erfolgreiche Transplantation. Dr. Ivanov Gerassimenko versicherte uns, dass er der Beste in seiner Expertise und seinem Handwerk sei, daher—“ „Es ist wie du sagtest, Naima—“, unterbrach Camille ihre Schwester abrupt „Diese Dame, die wir soeben künstlich betäubt haben, wird uns und unseren grandiosen Machenschaften, diese Welt grundlegend zu revolutionieren, von wichtigstem Nutzen sein. Ohne Ihren Körper, würden wir nach unseren letzten verblieben Lebensjahren, die uns unser kranker, geteilter Körper noch geben kann, zugrunde gehen. It was a nessesary evil, right?“ Camille streichelte mit ihrer Hand Naimas, zarte, blutrot unterlaufene Wangen, um sie nochmals zu beruhigen.
Ein Graubrauner kleiner Lastwagen fuhr gerade am menschenleeren Haupteingang der Universität vorbei. Der Fahrer bog in Richtung der links positionierten Fakultät ab. Er entschleunigte schrittweise, als er die unscharfe Gestalt der siamesischen Zwillinge vernahm, welche in einem braunen, überdehnten XXL- Pullover gekleidet zu sein schienen. Er lehnte seinen Oberköper aus dem Seitenfenster des schwarzen Minivans und winkte mit der linken Hand, während er mit seiner rechten Hand präzise manövrierte. Er war gekleidet in einer schwarzen Weste und trug eine schwarze Kappe, versehen mit dem „Ups“-Logo. „Gut, Jovan Petrovic ist jetzt da. Beeilen wir uns und steigen zu ihm ein, Naima. Er weiß genau, was er zu tun hat!“, wies Camille ihre Schwester nochmal auf die Situation hin.“ Der als Postzusteller verkleidete, Mann bog scharf ab, um kurz vor den Zwillingen auf einer Ausfahrt der Universität zu parken und den Zwillingen den Einlass in den Beifahrersitz zu gewähren. Naima griff geschwind nach dem Arm des Mannes eher Camille die Tür hinter sich zuwerfen konnte. Beide Köpfe verschwanden somit im geheimnisvollen Minivan kurz nachdem Naiima dem Fahrer einige Informationen entgegenstammeln konnte ehe er aus dem Wagen ausstieg und zum offenstehenden Notausgang der Universitätsfakultät marschierte.

Ikkaer

Ikkaer

Ich bins Ikkaer.